Freiheit gegen Sicherheit, ein guter Tausch? Wir tracken unsere Schritte. Unseren Schlaf. Unsere Ausgaben. Wir lassen eine App entscheiden, wie gesund wir heute waren. Wir melden uns im Homeoffice online, obwohl niemand danach fragt, nur damit klar ist: ich bin da, ich arbeite. Freiwillig, wohlgemerkt. Niemand zwingt uns dazu. Und trotzdem: irgendwo im Alltag haben wir angefangen, ein Stück unserer Freiheit einzutauschen. Gegen Sicherheit. Gegen das gute Gefühl, alles im Griff zu haben. Gegen die Beruhigung, dass jemand oder etwas anderes für uns mitdenkt. Juli Zeh hat in ihrem Roman "Corpus Delicti" vorgezeichnet, wohin das führen kann, wenn eine ganze Gesellschaft diesen Tausch konsequent zu Ende denkt: eine Welt, in der Gesundheit zur Pflicht wird und Überwachung zur Fürsorge. Was wie Dystopie klingt, ist näher an unserem Alltag, als uns lieb ist – man muss nur an die letzten Jahre denken. Schon Thomas Hobbes wusste: der Mensch tauscht Freiheit gegen Sicherheit, seit es Gesellschaften gibt. Erich Fromm hat gezeigt, dass hinter diesem Tausch oft nicht Vernunft steckt, sondern Angst vor der Einsamkeit, die echte Freiheit mit sich bringt. Und Sartre würde fragen, ob das nicht am Ende schlicht Feigheit ist: sich kleiner machen, um der eigenen Verantwortung zu entkommen. Diese Fragen sind nicht neu. Aber sie betreffen uns: heute, im Alltag, bei jeder App, die wir installieren, bei jeder Kamera, an der wir vorbeigehen, bei jeder Entscheidung, die wir lieber jemand anderem überlassen. Ein Sonntagvormittag, an dem man mal in Ruhe zu Ende denkt, was einem sonst nur flüchtig durch den Kopf geht. Man geht vielleicht nicht mit einer fertigen Antwort nach Hause, aber eventuell mit einem geschärften Blick für die eigenen Entscheidungen und mit neuen Gedanken.




