Jeder ist sich selbst der Nächste, und was bleibt für die Gemeinschaft? Die Familie, in die wir hineingeboren werden, können wir uns nicht aussuchen. Aber fast alles danach schon: unseren Freundeskreis, unsere Werte, unseren Lebensstil, sogar unsere Wahrheiten. Wir optimieren uns, verwirklichen uns, finden uns selbst, immer wieder neu. Was früher Herkunft, Kirche oder Nachbarschaft vorgaben, entscheiden wir heute selbst. Das klingt nach Freiheit, und ist es meistens auch. Aber es hat einen Preis, über den selten gesprochen wird. Rüdiger Safranski (2021) nennt das eine Aufgabe, keine Last: jeder Mensch ist zunächst einmal ein Einzelner, und was daraus wird, Bereicherung oder Überforderung, entscheidet sich erst daran, wie man damit umgeht. Wilhelm Schmid (2025) sieht darin das Problem der Gegenwart. Sein Befund: "Viele klagen darüber, nicht gesehen zu werden" (S. 12), aber kaum jemand bemüht sich umgekehrt, andere wirklich zu sehen. Ein Missverhältnis, das einer der Gründe sein könnte, warum Gesellschaft heute so brüchig wirkt. Schon früher hat sich die Philosophin Edith Stein mit einer verwandten Frage beschäftigt: wie wir überhaupt zu uns selbst finden. Ihre Antwort war überraschend: nicht im Alleinsein, sondern in der Begegnung mit anderen. Erst durch das Einfühlen in ein Gegenüber wird uns bewusst, wer wir selbst sind. Wenn das stimmt, wäre radikale Vereinzelung nicht nur ein gesellschaftliches, sondern ein ganz persönliches Problem: ohne die anderen finden wir uns selbst gar nicht. Ein interessanter Kontrast dazu findet sich außerhalb der europäischen Tradition, in der afrikanischen Ubuntu-Philosophie: "Ich bin, weil wir sind." Dort ist der Einzelne von vornherein durch die Gemeinschaft gedacht, nicht als eigenständiges Ich, das sich später zur Gruppe dazugesellt. Sehr unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: brauchen wir die Gemeinschaft, um zu uns selbst zu finden, oder brauchen wir zuerst uns selbst, um überhaupt gemeinschafts
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