Was braucht es wirklich, um sein Leben zu ändern? Der 1. Januar ist ein seltsames Datum. Ein Tag wie jeder andere, dem wir trotzdem zutrauen, uns zu einem anderen Menschen zu machen. Weniger Zucker, mehr Sport, endlich das Buch schreiben, weniger streiten. Die Liste kennt jeder, genauso wie das Ende der Geschichte: Mitte Februar ist meistens wieder alles beim Alten. Der Philosoph Derek Parfit hat dafür eine überraschende Erklärung, die nichts mit Willensschwäche zu tun hat. Für ihn ist die Person, die wir in einem Jahr sein werden, nicht einfach dasselbe Ich wie heute, sondern nur lose mit uns verbunden, über Erinnerung, Charakter, Ziele, die sich mit der Zeit verändern. Ein Neujahrsvorsatz wäre demnach ein Versprechen, das eine Person heute für eine andere Person in der Zukunft macht, die davon vielleicht gar nichts wissen will. Wenn das stimmt, wozu dann überhaupt Vorsätze fassen? Hier kommt eine zweite, ganz andere Antwort ins Spiel. Peter Sloterdijk hat in seinem Buch "Du musst dein Leben ändern" (der Titel ist ein Zitat aus einem Gedicht von Rilke) eine steile These aufgestellt: der Mensch ist ein Wesen, das ständig übt, ob es das will oder nicht. Jede Gewohnheit, gute wie schlechte, ist bereits eine Form von Training. Wer sein Leben ändern will, braucht also keinen Entschluss, sondern eine neue Übung. Ganz neu ist der Gedanke nicht. Schon Aristoteles wusste, dass aus wiederholtem Handeln Charakter wird, nicht aus einer einzelnen Einsicht. Und die Philosophin Iris Murdoch hat gezeigt, dass sich ein Mensch oft nicht durch einen einzigen Willensakt verändert, sondern durch viele kleine, oft unbemerkte Momente davor, in denen er lernt, genauer hinzusehen, vor allem auf andere Menschen. Am Ende bleibt vielleicht weniger die Frage, ob ein Vorsatz hält, sondern eine andere: übt man wirklich etwas, oder hat man nur etwas versprochen? Darüber wollen wir an diesem Sonntagvormittag sprechen, ganz entspannt, ohne selbst einen Vorsatz für die Matinee






